Sonntag, Januar 20, 2013

chronischLEBEN - demokratisch
Stell dir vor, es ist Wahl - und du kommst nicht hin


Heute darf ich wieder mal wählen - zwischen mehreren größeren und kleineren Übeln? Oder doch endlich mal eine Mehrheit Volksvertreter, von denen ich mich wirklich einigermaßen vertreten fühle?

Das wird sich ab 18 Uhr heute Abend und dann bis zur nächsten Wahl zeigen. Mein Optimismus hält sich da angesichts meiner Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte mit der bundesdeutschen Realität in Grenzen.

Ach ja, die Grenzen. Die gibt es nach wie vor nicht nur in unseren Köpfen, sondern immer noch ganz real - und wieder mal und immer noch bei der heutigen Landtagswahl in Niedersachsen.

Da stoße ich schnell an Grenzen. Es gilt nämlich - Inklusions-Wahlversprechen hin, Barrierefreiheit her - immer noch der Spruch "Stell dir vor, es ist Wahl - und du kommst nicht hin."

Ein Beispiel von vielen: "Mein" Wahllokal, in dem ich mit all den anderen Wahlbürgern in der Abgeschiedenheit der diskreten Wahlkabine meine zwei Kreuze neben die Kandidaten und Parteien meiner Wahl malen soll, die die Zukunft des Landes Niedersachsen mitentscheiden wollen.

Ich werde mich also - wie seit einem guten Vierteljahrhundert - auf den Weg zu einer Schule aus dem Beginn des 20, Jahrhunderts machen, dem Wahllokal, und werde mich dort durch das Vorweisen meiner hochoffiziellen Wahlbenachrichtigung als mündiger Bürgerausweisen.

Als ich diese "Einladung" gerade hervorkramte, sprang mich der Satz an: "Das Wahllokal ist nicht barrierefrei".

Wie wahr.

Ich werde als stolzer Besitzer eines leichten und bequem faltbaren Rollators die steile Treppe in der alten Schule zum eigentlichen Wahllokal wohl mühsam, Schritt für Schritt und hoffentlich unfallfrei überwinden (und vielleicht auch in heil wieder herabkraxeln). Aber Rollstuhlfaherinnen und -fahren haben da null Chance. Vor diesem wie vor vielen anderen Wahllokalen heißt es (sinngemäß): Hunde und Rollstuhlfahrer müssen draußen bleiben.

Macht nix?

Die können ja per Brief wählen (die Nicht-Fußgänger, nicht die Hunde).

Stimmt.

Aber Inklusion geht anders. Barrierefreiheit auch.

Ach ja, wir Krüppel träumen ja hin und wieder immer noch frech von so tollen Sachen wie Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben - richtig wie im wirklichen Leben und nicht nur in Wahlbriefen. Aber diese Teilhabe gibt es immer noch so gut wie nur in Form des Dreschens leerer Worthülsen während des Werbens um den letzten behinderten Wähler.

Übrigens: Kein Traum, sondern die ganz reale Alternative zu meinem Wahllokal mit der Treppenbarriere wären das Auditorium Maximum und die Cafeteria der Braunschweiger Technischen Universität, nur wenige Meter von der behindertenfeindlichen Wahllokal-Schule entfernt. Da gibt es unbegrenzt Platz zum Wählen und: Weit und breit keine Barriere.

Aber offensichtlich reicht es den bisher gewählten Politikern auf allen Ebenen voll und ganz VOR der Wahl vollmundig und mit treuem Dackelblick von Inklusion und einem Leben ohne vermeidbare Barrieren zu schwafeln - im festen Glauben daran, dass wir, das Wahlvolk immer wieder darauf hereinfallen.

Wie wär's? Wollen wir denen nicht mal die Wahlsuppe gründlich versalzen? Heute wäre ein guter Tag, um damit anzufangen.

Norbert Jos Maas

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