Dienstag, Dezember 18, 2012

Wie Behinderte zu Monstern (gemacht) werden
Medien-Hype nach den Newtown-Morden - auf Kosten von Autisten

Ist der Amoklauf in Newtown, bei dem ein 20-jähriger offensichtlich schwer verhaltensgestörter Heranwachsender 20 Kinder und 27 Erwachsene erschoss bevor er sich selbst das Leben nahm, ein Thema für das Blog chronischLEBEN, das sich thematisch vor allem mit chronisch kranken und behinderten Menschen beschäftigt?

Nein und Ja.

Persönlichkeits- und Verhaltensauffälligkeiten können durchaus einer von vielen Bestandteilen und Symptomen von Krankheiten und Behinderungen sein - das macht den Newtown-Massenmord aber nicht zum Thema für chronischLEBEN. Massenmedien wie SPIEGEL und FOCUS wiesen aber bereits in den ersten Berichten unter anderem darauf hin, dass der Attentäter möglicherweise Asperger-Autist war. Viele Betroffene Autistinnen und Autisten, ihre Angehörigen und Autisten-Organisationen sahen sich durch die zumindest leicht missverständlichen Berichte in den genannten Nachrichten-Magazinen diskriminiert, medial zu Monstern gemacht.

Als Vater eines von Autismus betroffenen Sohnes kann ich nachvollziehen, dass autistisch behinderte Menschen und ihre Angehörigen sich verletzt und sachlich falsch dargestellt sehen, wenn sie sich in solchen alles andere als einfühlsamen, sondern eher von der Auflagenhöhe und den Anzeigen-Auftraggeber diktierten Medien-Blockbustern zumindest in die Nähe von durchgeknallten Mördern gerückt sehen.

   Mein Sohn ist Autist, nicht Mörder   

Ich habe mir gerade noch einmal Bilder meines heute 33-jähriger Sohnes angeschaut - und stelle ihn hier mit einem zum Schütze seiner Persönlichkeit verfremdeten Kinderfoto hier vor. Ist mein Sohn ein potentieller Mörder?

Mein Sohn ist Autist. Er hat wie jeder andere behinderte und angeblich nicht behinderte Mensch seine fröhlichen und traurigen Seiten. Er ist ein lieber Kerl und kann - wie sein Vater - ein fürchterlicher Grantler sein, der aus seinen Emotionen keinen Hehl macht.

Aber hat er das Potential zum Killer? Ich weiß es nicht. Wer weiß das schon - von anderen und von sich selbst. Aber ich bin sicher, er ist nicht mehr und nicht weniger Mörder als die meisten von uns. Ich halte es - wie andere Kritiker der Berichterstattung von SPIEGEL ONLINE & Co. - für eine diskriminierende Dummheit, behinderten Menschen mehr Kriminelle Neigungen und Energie zu unterstellen, weil "es gerade so schön passt".

Wir wissen nicht einmal, ob der Täter von Newstown Autist oder Asperger-Autist war. Wir wissen allenfalls aus den mehr oder glaubwürdigen Aussagen von Menschen, die Adam Lanza mehr oder weniger gut kannten oder ihn zu kennen behaupten, dass er möglicherweise - meinetwegen auch wahrscheinlich - ein auffällig in sich zurückgezogener Mensch war.

   Alle Menschen sind eigentlich Meeresbewohner   

Und wenn sich herausstellen sollte, dass der Amokläufer Autist, welcher Ausprägung auch immer - war? Was sagt uns das? Dass Autisten eher zu Mördern werden als Katholiken oder Chinesen? Sorry, wer auch nur einen Augenblick ruhig nachdenkt, kennt die Antwort auf diese irrsinnigen Fragen: Das ist Bullshit in Reinform.

Es entwickelt eine ähnliche Logik wie die Behauptung, dass alle Menschen Meeresbewohner seien - ganz einfach, weil Menschen Säugetiere sind, Delphine auch - und nachgewiesenermaßen alle Delphine nun mal Meeresbewohner sind (bis auf Flussdelphine, aber wir sollten nicht so kleinlich sein). Ob der Täter in Newstown Autist, Katholik, Chinese oder autistischer katholischer Chinese war, ist unerheblich. Er war einer von vielen Millionen US-Amerikanern, die immer noch Zugang zu mörderischen Waffen haben und sich immer noch von der Waffen-Lobby erzählen lassen, das sei noch lange nicht genug. Wenn ein psychisch labiler und verstörter Mensch Zugang zu Waffen hat, ist es Heuchelei, jetzt Zeter und Mordio zu schreien. Mit Autismus oder einer sonstigen Behinderung hat das etwa so viel zu tun wie die UN-Behindertenrechtkonvention mit der Realität.

Es werden sich gewiss durchaus ernst zu nehmende Autismus-Experten finden, die darauf hinweisen, dass gar nicht mal so wenige Autisten gelegentlich zu Aggressionen, meist übrigens Autoaggressionen, neigen. Möglicherweise sind solche Aggressionen tatsächlich "Bestandteil" des Behinderungsbildes. Ich selbst bin allerdings davon überzeugt, dass Aggressionen von Autisten und anderen behinderten Menschen sich fast zwangsläufig aus den Lebensbedingungen der Behinderten ergeben, die ein selbst selbstbestimmtes Leben behindern oder unmöglich machen. Ehrlich gesagt, ich würde unter den "üblichen" Rahmenbedingungen für Autisten ziemlich aggressiv. Aber macht mich das zum potentiellen Mörder, zu einer Zeitbombe auf zwei Beinen, zu einem kindermordenden Monster? Natürlich nicht.

SPIEGEL ONLINE hat mit seinen ersten Berichten über den Amoklauf Schaden angerichtet - und vor allem eines bewiesen: Dass auch hochprofessionelle Journalisten nicht vor Dummheit und Halbwahrheiten zurückschrecken.

Jetzt wäre es spätestens an der Zeit, sich seriöser, präziser und einfühlsamer mit Behinderungen und chronischen Krankheiten auch in den Massenmedien auseinander zu setzen. Ernst zu nehmende, unvoreingenommene Journalisten haben da eine Bringeschuld.

   20 kleine Mordopfer verdienen Anteilnahme - wenn sie nicht aus Afghanistan sind   

Mich persönlich macht ein weiteres Phänomen nicht nur betroffen, sondern zornig: Die 20 Mädchen und Jungen, die in Connecticut ermordet wurden, finden weltweit Anteilnahme und Trauer. Die Meldung, dass in Afghanistan zehn Mädchen beim Brennholzsammeln von Landminen ermordet wurden, hielt sich - fast zeitgleich mit dem nachvollziehbaren Newtown-Hype - gerade mal einen Tag in den Schlagzeilen. Aufgeregt hat sich spür-, hör- und lesbar kaum jemand über diesen Mord. Während US-Präsident Barrack Obama an der Trauerfeier für die Kinder in Newtown teilnahm - und es endlich wagte, über den Waffenirrsinn seiner Landsleute zumindest einige Andeutungen zu machen, weilte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck auf Dienstreise in Afghanistan, schmeichelte dem korrupten afghanischen Präsidenten und mutmaßlichen Rauschgifthändler Hamid Karsai - und fand nicht ein Wort zum Mord an den kleinen Holzsammlerinnen.

Manchmal schäme ich mich, Deutscher zu sein.

Norbert Jos Maas


jos

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