Sonntag, Dezember 09, 2012

chronischLEBEN Buch-Empfehlung für behinderte und "nicht behinderte" Menschen
Gottfried Lutz: normal behindert
Sein Credo: "Ich bin wie ich bin"

Die weniger weihnachtliche als  vielmehr maßlose Konsum-Hysterie,  kaum glaubhaft und notdürftig als von Herzen kommender Altruismus getarnt,  ist nicht mein Ding. Ich halte mich an die nicht allzu widersprüchliche Regel Nur unsere Enkel dürfen sich auf erschwingliche Oma-und Opa-Präsente auf dem Gabentisch freuen. Aber das soll und darf kein Dogma werden - und deshalb freue ich mich, dass gerade noch pünktlich in der letzten Geschenk-Such-Phase ein Buch erschienen ist, das ich ohne Wenn und Aber allen chronisch kranken und behinderten Menschen ebenso empfehlen möchte wie den sogenannten (oder selbsternannten) "Nicht-Behinderten", die sich mit urgesunder Neugier fragen, wie wir, die Menschen mit dieser oder jener Einschränkung, eigentlich "ticken". Das Buch heißt "normal behindert". Autor ist Gottfried Lutz. Der 1944 geborene Pfarrer, Klinikseelsorger und Psychotherapeut ist mehrfach behindert (Schwerhörigkeit und Lähmung eines Armes) und lebt seit vielen Jahren mit Parkinson.

Bücher über Parkinson und andere chronische Krankheiten gibt es mittlerweile ja massenhaft. Ich erspare mir ehrlich gesagt nach einem Blick in die Vorankündigungen oder Pressemitteilungen und Rezensionen fast immer die weitere Lektüre. Wie Parkinson (wahrscheinlich) "funktioniert" weiß ich mittlerweile hinlänglich; und der gut gemeinte Rat-Schlag(!), wie ich mit diesem und jenem sauteuren Nahrungsergänzungsmittelchen, mit Vitaminen, Q10, mit Reiki-Beschwätzereien oder "Heilwässerchen, frisch von Herrn Fliege abgesegnet", mit umsatzorientierten Leibesübungen, auf lebensgefährlichen Rüttelplatten oder kunterbunte Plastkschläuche schwingend, auf Ceylon altindisch oder auf "Parkinson-Kreuzfahrten" Kaffefahrt-mäßig ausgenommen, Linderung oder gar Heilung von dieser oder jener nun mal unheilbaren Krankheit erfahre, hilft erfahrungsgemäß nur dem Anbieter (in Form von klingender Münze oder raschelnden Scheinen).

Was Gottfried Lutz da für sich selbst und seine Leserinnen und Leser aufgeschrieben hat, kann und sollte mit der Masse des bedruckten Besserwisser-Papiers über die diversen Zipperlein nicht verwechselt werden. Schon der Titel des Lutz-Buches ließ mich aufhorchen: "normal behindert". Meiner naiven Frage: "Ja, wat denn nu'? Normal oder behindert?" folgte rasch die Erkenntnis: "Ein typischer Gottfried Lutz". Der urschwäbische und dabei herrlich unorthodoxe Pfarrer und Psychotherapeut hat sich einen Namen gemacht als kluger Provokant, als Anstupser zum Nach- und Mitdenken, als knochenehrlicher "Sager, was Sache ist" - und als unverbesserlicher und streitbarer Menschenfreund.

   Konstantin Wecker: "Fremdes wird plötzlich ganz vertraut"   

Mit all diesen spannenden, alles andere als bequemen - und gerade deshalb ausgesprochen wohltuenden Eigenschaften lernen wir Lutz auf den 110 Seiten seines Buches mit dem Untertitel "Situationen - Fragen - Einsichten -Erfahrungen" kennen. Der Musiker, Komponist, Autor und Schauspieler Konstantin Wecker hat ein Vorwort zu Lutz' "normal behindert" beigetragen. Wecker erinnert darin an eine glasknochenkranke Freundin. Deren "Sich-nicht-unterkriegen-Lassen" stellt Wecker "diese windschlüpfrigen, fehlerlosen,geschniegelten und gnadenlos durchgestylten vollen Beautys" gegenüber, die er bedauert, "weil sie nur glänzen, nicht strahlen können". Wenn man nicht nur glänzen will, sondern "auch noch was zu sagen hat", so Wecker in seinem Vorwort, "beginnt einen Ungewohntes zu fesseln und Fremdes wird plötzlich ganz vertraut". Das gelte auch für die Texte im Buch von Gottfried Lutz.

Das passt. Mich persönlich hat beim Lesen zunächst vor allem die ganz und gar unaufgeregte, dabei absolut schonungslose Selbstbetrachtung des Autors berührt und zum Weiterlesen ge- und verführt. Wie er sich an die Kindheit in den letzten Kriegs- und dann Nachkriegsjahren erinnert mit seinem von Geburt an wenig funktionalen Arm, mit gut meinenden, aber nicht immer wirklich helfenden Medizinern und Therapien, dann die frühe Konfrontation mit der Schwerhörigkeit und später dem Morbus Parkinson, das tut gleichzeitig weh beim Lesen - und ist vergnüglich.

"normal behindert"-Autor Gottfried Lutz
Es tut einfach gut und bereitet Vergnügen im eigentlichen Wortsinn, einen Menschen beim Lesen kennen zu lernen, der kein "Gewese" um seine körperlichen und einschränkenden Besonderheiten macht - ohne in die zwar verständliche, dennoch aber verlogene unbeherrscht verkrampfende Verharmlosung und Schönrederei zu verfallen, die zumindest mich in der Begegnung mit manchen Chronikern und Behinderten immer noch nervt und ärgert.

Wir erleben in dem Buch von Gottfried Lutz zum Beispiel, dass es unser Leben weder erleichtert noch "verbessert", wenn wir uns und unsere der Krankheit und/oder Behinderung gedankten Auffälligkeiten versuchen zu verstecken.

Lutz macht kein Hehl daraus, dass auch er so seine Probleme  hatte und Tricks erprobte, mit Schwerhörigkeit, Armbehinderung und diesen und jenen Parkinson-Symptomen sich selbst und den Mitmenschen gegenüber umzugehen - und um Himmels willen nicht aufzufallen. Aber wir erleben ihn auch wie er den Mut findet, sich und der Welt zu sagen und zu zeigen:

"Ich bin anders als die anderen, aber ich bin wie ich bin." Und er fügt den durch und durch realistischen Nachsatz hinzu: "Und ich bin anders als ich sein sollte oder wollte".

Diese wenigen Sätze ziehen sich wie ein roter Faden durch die 29 Kapitel des Buches. Für Menschen mit krankheitsbedingten Konzentrationsproblemen wie mich barrierefrei: Die Kapitel stehen zwar in Beziehung zueinander, lassen sich aber völlig problemlos auch mit großen zeitlichen Unterbrechungen "geistig verdauen". Zum Innehalten und nachklingen lassen laden Gedichte von Gottfried Lutz ein, die uns tief in das Innere des "normal behindert"-Seins führen.

   Was sagt uns das ? Wer "normal behindert" ist, braucht kein (Selbst-)Mitleid   

"normal behindert" ist - Gott(fried) sei Dank - kein "Lehr"buch. Lutz belehrt nicht, er erzählt einfach, wie er als ganz normal Behinderter die Welt erlebt. Und er erzählt, ohne auch nur eine Spur von (Selbst-)Mitleid von den vielfältigen Problemen, von den Zweifeln, von der Depression, die ein solches Leben mit sich bringt. Ich vermute, vielen Chronikern und Behinderten wird es beim Lesen ähnlich gehen wie mir selbst: Ich "erwischte" mich immer wieder dabei, dass der Lutz nicht nur sich selbst, sondern ganz offensichtlich mich schilderte. Ein durchaus nicht unangenehmes "Erwischt"-Gefühl übrigens.

Ach so, "pastoral" kommt uns der Pastor im UnRuhestand nicht daher, der Psychotherapeut schimmert - was Wunder! - immer wieder mal durch (aber sogar für mich als eher Psychotherapie-resistenten Skeptiker gut erträglich) und auch die Selbsthilfe hat ihren Platz in "normal behindert" - mit ihren Stärken und ihren Auswüchsen.

Der chronischLEBEN-Tipp: Das Buch ist alles andere als ein "Verlegenheits"-Geschenk für den Gabentisch. Damit bescheren lassen sich Menschen, die mehr wissen und erfahren wollen über sich selbst oder andere, die ganz "normal behindert sind, ganz unabhängig von der Jahreszeit - übrigens geradezu schwäbisch-erschwinglich: Ganze 10 Euro kostet es im realen und Online- Buchhandel..

Norbert Jos Maas


Gottfried Lutz
"normal behindert"

Situationen - Fragen - Einsichten - Erfahrungen

Mit einem Vorwort von Konstantin Wecker und einer Nachlese von Dr. Kathrin Asper

110 Seiten, 10 EURO

Erschienen im Manuela Kinzel Verlag
ISBN 978-3-937367-81-1

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