Samstag, Oktober 06, 2012

Ungewarnt in die Katastrophe
Gehörlose fordern barrierefreie Alarmsysteme

Katastrophen werden für gehörlose Menschen nicht selten zu Super-Katastrophen - weil sie nach wie vor nicht rechtzeitig und für sie wahrnehmbar alarmiert oder vor drohenden Unwettern gewarnt werden. Die Gehörlosenverbände wie der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) und die Deutsche Gesellschaft für Hörgeschädigten-Selbsthilfe nehmen diese lebensgefährliche Behinderung nicht mehr hin. Sie fordern den konsequenten Ausbau bestehender Alarmsysteme und arbeiten gemeinsam am Projekt „Katastrophenschutz“ für hörbehinderte Menschen. Dafür sammeln sie Informationen, Daten und Material.

Mit den bisherigen Alarmsystemen können gehörlose Betroffene meist nicht oder nicht rechtzeitig erreicht werden. Sie können Sirenen von Einsatzwagen nicht hören oder aktuelle Gefahrenwarnungen im Radio nicht mitbekommen.

Ein dramatisches Beispiel: 2002 waren viele ostdeutsche Städte von dramatischen Hochwasserpegeln betroffen. Wenn taube Menschen die vorhergehenden Warnhinweise nicht erhalten hatten, standen sie bei ausfallendem Strom ohne Kommunikationsmöglichkeit in ihrer Wohnung und waren den steigenden Fluten hilflos ausgesetzt.

Auch bei Verkehrsunfällen sind Gehörlose bislang schwer benachteiligt. .Nach wie vor können taube Unfallopfer nicht per SMS auf ihre Situation aufmerksam machen; ebenso wenig können taube Menschen für andere Betroffene Hilfe holen. So kommt es immer wieder zu lebensgefährlichen Situationen, in denen wertvolle Zeit verstreicht.

Die gravierende Benachteiligung von gehörlosen Menschen in Notfällen bei. Katastrophen wollen die Interessenvertretungen der Gehörlosen nicht länger hinnehmen. Sie betonen, dass es ein verbrieftes Menschenrecht ist, Unfallhilfe und Katastrophenschutz in Anspruch nehmen zu können.

Die Verbände weisen darauf hin, dass technische Möglichkeiten dazu sind bereits vorhanden. So hat zum Beispiel Berlin im Juni 2012 die Möglichkeit geschaffen, sich per SMS über extreme Notfälle oder Bedrohungen informieren zu lassen. Eine einmalige Registrierung genügt, die folgenden SMS erhält man kostenfrei.
Mit diesem Projekt und weiteren Pilotprojekten in Frankfurt/Main und Hamburg  wurde darauf reagiert, dass sich auch in der hörenden Mehrheitsgesellschaft die Mediennutzung gewandelt hat: Über Radio sind heute deutlich weniger Menschen zu erreichen als noch in den sechziger Jahren.

Noch ist das Berliner Warnsystem "Katwarn" allerdings technisch nicht ausgereift: Übertragungssicherheit besteht nicht; außerdem kann durch Überlastung des Mobilfunknetzes die Nachrichtenkette zusammenbrechen - und auch in Berlin steht das Warnsystem nicht flächendeckend zur Verfügung.
jos

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