Dienstag, Oktober 16, 2012

Tierischer Profihelfer unerwünscht
Rollstuhlfahrerin darf nicht mit
ausgebildetem Begleithund ins Lebensmittelgeschäft

Waldi: 9 Jahre treuer Begleiter - aber kein ausgebildeter Begleithund
Mit dem Rollstuhl zum Einkäufen? Das geht prinzipiell in Ordnung - auch wenn es zum Beispiel nicht selten ausgesprochen eng wird. Mit Hund in den Supermarkt? Das ist - auch für Hundefreunde - ein No Go: Die Hygiene mag keine Hunde in der Nähe von nicht verscheeißten Lebensmitteln. Mit Rollstuhl und Hund in den Lebensmittel-Laden? Das sollte eigentlich erlaubt sein - wenn der Mensch im Rolli blind ist und sein Hind ein ausgewiesener Blindenhund. Einem ausgebildeten Behinderten- und Begleithund wird dagegen der Eintritt ins Geschäft fast immer verwehrt. Tiergestützte Barrierefreiheit endet bei Begleithunden (mit wenigen Ausnahmen) vor der Tür von Lebensmittelgeschäften.

Eine an Multipler Sklerose (MS) erkrankte Frau wurde kürzlich mitsamt Rollstuhl und Begleithund aus einem Geschäft im fränkischen Schwabach herausgeworfen. Die 52-jährige Susanne P. Ist auf ihren Hund angewiesen: Die Labrador-Hündin "Laguna" weicht der MS-Kranken nicht von der Seite. fällt ihr etwas aus der Hand fällt — was nicht selten ist, seit sie an Multipler Sklerose erkrankt ist — fasst die temperamentvolle Hündin mit sensiblem Biss zu und gibt ihrem Menschen Geldbeutel, Schlüssel oder Handy zurück.

   Ausbildung kostete 14.000 €   

Dabei handelt es sich nicht etwa um nette Kunststückchen: "Laguna" hat seit ihren Welpentagen Begleithund-Ausbildung absolviert. Sie ist ein richtiger Profi - kostet übrigens so viel wie ein gut ausgestatteter Kleinwagen: 14.000 Euro hat Susanne Pichert vor fünf Jahren mit viel Spenden-Unterstützung Schwabacher Bürger und Firmen für ihre vierbeinige Helferin aufgebracht .

Seither hat sich ihr Leben nach der Diagnose MS nochmals gewendet. Positiv diesmal. Der Hund ist Helfer in der Not, Kontaktvermittler und Therapeut in einem. Doch das alles hat Susanne Pichert an diesem Samstag nichts genützt. Wie die Schwabacher Lokalpresse berichtete, nützte es dem Duo nichts, dass der Hund eine gut sichtbare Kenndecke mit der Aufschrift „Begleithund“ trug. Und auch das Dokument, das die besondere Rolle des Labradors bescheinigt, beeindruckte niemanden. Mit Hinweis auf die Hausordnung und darauf, dass hier auch (verpackte) Lebensmittel verkauft werden, wurde sie des Ladens verwiesen.

In einer E-Mail an das Unternehmen teilte sie später ihre Empörung mit. Die Antwort konnte sie nicht befriedigen. Erneut pochte man auf die Hausordnung. Bei einem nächsten Einkauf könne sie sich ja an einen Mitarbeiter wenden.

   In den USA, in Österreichen, in Götttingen und Kassel: Begleithunde erwünscht   

Tatsächlich läßt die (noch) geltende deutsche Rechtslage dieses behindertenfeinlivhe Verhalten grundsätzlich zu. Ausgenommen vom Hundeverbot für Geschäfte, in denen mit Lebensmitteln gehandelt wird, sind hierzulande ausdrücklich nur Blindenhunde. In anderen Staaten ist das anders geregelt: In den USA etwa, wo die ersten Begleithundes ausgebildet wurden, haben die tierischen Prifi-Helfer längst den gleichen Status wie ein Blindenhund.

Im Nachbarland Österreich — dort wurde „Laguna“ ausgebildet — kann man über Vorfälle wie hier in Schwabach nur den Kopf schütteln. „Seit 1998 ist das bei uns gesetzlich geregelt“, sagt Elisabeth Färbinger vom Verein Partner-Hunde Österreich, der in der Nähe von Salzburg beheimatet ist. In den meisten Fällen gebe es keine Probleme mehr. Ganz selten müsse man mit dem Ladeninhaber über die Sondergenehmigung sprechen, dann aber sei alles klar. „Da muss eine EU-weite Regelung her“, fordert Färbinger.

Aber auch ohne die von Behinderten und Hundeausbildern geforderte Gesetzesänderung ist eine barrierefrei Regelung mit Rollstuhl und ausgebildetem Begleithund durchaus auch in Deutschland bereits möglich - man muss nur wollen: Der Landkreis Göttingen in Niedersachsen etwa hat eine allgemeine Erlaubnis für Begleithunde in Lebensmittelgeschäften erteilt. Damit folgte der Kreis einer Empfehlung des Bundesministeriums für Verbraucherschutz. Das nordhessische Stadt Kassel folgte mittlerweile dem Göttinger guten Beispiel.

jos

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