Mittwoch, Oktober 10, 2012

Nach den 5. Kulturtagen der Gehörlosen in Erfurt:
Interview mit DGB-Vizepräsidentin Christine Linnartz:
"Gebärdensprache sollte Welt-Kulturerbe werden"

Gehörlose fordern: Teilhabe nicht nur am Arbeitsplatz, sondern in allen Lebensbereichen ermöglichen

Foto: Marco Strauß
Bei den Kulturtagen, die unter dem Motto "Gebärdensprache: Eine Kultur mehr" nach Erfurt eingeladen hatten, informierten unter anderem Aussteller über Ausbildungsmöglichkeiten und Produkte für Gehörlose. Etwa 50 Künstler stellten sich und ihre Arbeit in einer Messehalle in Erfurt vor. Organisiert hatte die Kulturtage der etwa 30.000 Mitglieder zählende Deutsche Gehörlosen-Bund.

Im Mittelpunkt der dreitägigen Veranstaltung in Erfurt stand die Gebärdensprache. Die meisten Länder hätten eigene Sprachen, zudem gebe es eine internationale Version, sagt Sailer. Zugleich sollten deren Sprecher als eigenständige kulturelle Minderheit und nicht als Behinderte betrachtet werden. "Wir sind eine Gemeinschaft mit eigener Kultur", sagte er. Die gemeinsame Sprache schaffe eine eigene Identität. "Wir sehen uns nicht als Gruppe von Behinderten", sagte er weiter.

Die erste Vizepräsidentin des Gehörlosen-Bundes, Christine Linnartz, forderte, mehr Dolmetscher für Gebärdensprache auszubilden. Dadurch könnten Gehörlose am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben. Recht auf einen Dolmetscher gebe es derzeit nur am Arbeitsplatz. Der zweite Vizepräsident, Alexander von Meyenn, sprach sich für eine stärkere Inklusion im Bildungssystem aus. Demnach soll es eigene Schulen für Gehörlose geben, die auch Hörende besuchen könnten - ähnlich wie bei fremdsprachlichen Schulen.

   cL-Interview mit DGB-Vizepräsidentin Christine Linnartz   


chronischLEBEN-Blogger Norbert Maas sprach mit der Ersten Vizepräsidentin des Gehörlosenbundes und Expertin für Fragen der Diversity, Christine Linnartz, über die Bedeutung der Kulturtage für Gehörlose. Christine Linnartz ist Dipl. Sozialarbeiterin und Coach (DGFP). Sie war in diversen Bereichen tätig - von Sozialarbeiterin über ProjektmanagerIn, als Coach und zuletzt als Teamschulleiterin einer Fachschule VIS.COM - Schule für visuelle und alternative Kommunikation.

chronischLEBEN: 
Christine, zunächst einmal ganz naiv-provokativ gefragt: Muss es unbedingt spezielle Kulturtage für Gehörlose geben?

Christine Linnartz:


Christine Linnartz
Ja - aufgrund der permanenten Kommunikationsbarrieren haben wir bedingt durch die Gebärdensprache zwangsläufig unsere eigene Kultur entwickelt - die sich teilweise sehr von der Kultur der Hörenden unterscheiden. In der Kommunikation sind wir zum Beispiel sehr direkt - was auch durch der direkte Blickkontakt verursacht wird. Wir benutzen für den Tonfall bzw Stimmungslage unsere Mimik, die einfach nicht zu verstellen ist.

In der Kommunikation brauchen wir unsere Hände, was sich z.B. beim Essen recht schwierig gestaltet: gleichzeitig zu essen und zu gebärden. Auch mögen wir keine Vasen, Flaschen etc. auf den Tischen, die uns bei unserer visuellen Kommunikation stören. Auch lieben wir gute Lichtverhältnissen daher mögen wir keine schummerigen Lichtverhältnissen die oft in Restaurants, Kneipen für eine gewisse Gemütlichkeit sorgen. Bei uns ist das eher störend.

Wir wirken unbewusst beim Essen und Trinken für die anderen als sehr störend, da wir dabei für bestimmte Geräusche sorgen, die oft als unangenehm für die anderen empfunden werden.
> Daher brauchen wir eine Plattform wo wir frei kommunizieren bzw uns entfalten können, ohne darauf achten zu müssen, welche an kulturbedingten Verhaltensregeln zu beachten sind.

Da diese Kulturtage ja nur alle vier Jahre stattfinden, halte ich diese Plattform für sehr wichtig um den Austausch zu gehörlosen- bzw. hörbehindertenspezifischen Themen für die Menschen mit Hörbehinderungen zu ermöglichen.

chronischLEBEN:Motto der Kulturtage war ja: "Gebärdensprache - eine Kultur mehr". Das ist ja mehr als nur ein Schlagwort. Was bedeutet das konkret?
Christine Linnartz:
Die Deutsche Gebärdensprache trägt zu einer Welt der kulturellen Vielfalt bei. Das brachte auch das Motto zum Ausdruck. Die Gebärdensprache ist ein schützenswertes Kulturgut und stellt für die Gesellschaft eine große Bereicherung dar. Für mich persönlich ist die Gebärdensprache ein faszinierendes und somit ein phänomenales KULT! Ich wünsche, sie wäre eine Weltkulturerbe. Ich erinnere mich nur ganz vage, dass es mal versucht wurde, das zu beantragen. Wieso das nicht zustande kam, kann ich hier nichts dazu sagen.


chronischLEBEN:Der Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes, Rudolph Sailer, forderte zur Eröffnung der Kulturtage, die deutsche Gebärdenprache als eine Minderheitensprache anzuerkennen. Ist denn die deutsche Gebärdensprache so etwas wie eine Fremdsprache?

Christine Linnartz:
Deutlich und verständlich erklärt wird das auf folgender Internet-Site:

http://www.gebaerdensprache.de/1704.html

Hier findet sich die kurze Erklärung dazu, warum die Gebärdensprache keine "echte Fremdsprache", sondern eine eigenständige und vollwertige Sprache ist - und somit eine Minderheitensprache ist.

chronischLEBEN:Für Irritationen gesorgt haben dürfte die Aussage von Rudolph Seiler, Gehörlose seien keine Behinderte. Wie ist das zu verstehen? Das Fehlen oder die starke Einschränkung der Hörfähigkeit ist doch ebenso eine Behinderung wie zum Beispiel Bewegungsstörungen.
Christine Linnartz:
Wir sind zwar Behinderte und haben nicht ohne triftigen Grund Schwerbehindertenausweise - ok. Wenn wir unter uns sind, werden alle Barrieren aufgehoben - wie weggeputzt sind dann die Kommunikationsprobleme.

Anders gesagt: Wir können einfach alles - nur nicht hören. Wir können Autofahren, durch geschlossene Fenster oder Scheiben kommunizieren, wir können uns frei bewegen und alleine auf Reisen begeben und anderen Gehörlosen aus aller Welt begegnen, sind unter uns nicht einsam.

Bei uns herrscht so etwas was wie eine "Husch"-Kultur: Sobald wir uns in der Ferne oder in einer anderen Stadt befinden und eine andere gebärdensprechende Person begegnen, sprechen wir sie direkt an mit der Frage, bist Du auch gehörlos? Und schon haben wir Kontakt - das ist überall auf der Welt so. WIR "huschen uns an" ;) - wie ein Magnet ziehen wir uns automatisch an. Daher meinen wir, dass wir nicht behindert sind, sondern vielmehr, dass wir behindert werden. Ein Blinder kann einem blinden Menschen nicht über die Straße bringen, um das so als ein Beispiel von vielen erwähnen zu können.

Kunst bei den Erfurter Kulturtagen - hier eine Skulptur des Künstlers Rudolf Werner  |  Foto: Marco Strauß

chronischLEBEN:Christine, du selbst hast bei den Kulturtagen gefordert, dass mehr Dolmetscher für die Gebärdensprache ausgebildet werden. Es gibt zur Zeit Diskussionen darüber, ob Dolmetscher für Gebärdensprache eine "solide" Ausbildung mit staatlicher Anerkennung brauchen oder ob das eher "locker" gehandhabt werden soll. es tummeln sich ja mittlerweile erste Privatunternehmen auf dem Markt, die Dolmetscher offensichtlich ohne eigentliche Ausbildung oder Studium anbieten. Konkret gefragt: Ist die Ausbildung, das Studium mit staatlich anerkanntem Examen unabdingbar oder ist der Beruf des Gebärdensprachedolmetschers ein freies Feld für alle die meinen, es zu können?
Christine Linnartz:
Ja - schrecklich, man muss DolmetscherInnen meist 2 bis 3 Monate im voraus buchen, wenn wir hochkarätig ausgebildete DolmetscherInnen haben wollen.

Ich selbst als Beispiel mal bewege mich ja in einem hohen Sprachniveau und da sind viele Dolmetschenden schnell überfordert, ansonsten sind die schlecht ausgbeildeten oder sozusagen selbsternannten Gebärdensprachdolmetschenden verfügbar - die die Inhalte eben nicht professionell oder gar in ihrer eigenen oder gar in vereinfachter Sprache (in Dialekt, in Platt oder so ähnliches) übersetzen .

Es gibt unter Gehörlose bisher nur ganz wenige Akademiker, ich glaube nur 2 bis allerhöchstens 5 Prozent - ich bin mir da nicht ganz sicher. Daher plädiere ich für gut ausgebildete Gebärdensprachdolmetschende, die ihr Studium an der Universität bzw Fachhochschule absolviert haben sollen.

Daneben gibt es auch die sogenannten Kommunikationsassistenzen (KA), die sich auch als Dolmetschende fungieren. Die stehen zwar schneller zur Verfügung, da die Ausbildungszeiten sich zwischen 400 und 900 Unterrichtsstunden bewegen - im Gegensatz zum 5 jährigen Gebärdensprachdolmetschstudium auf Hochschulniveau. Da gibt es aber logischerweise große Kompetenz-Unterschiede.

Wir Gehörlosen können uns zwar zwischen DGS -Dolmetscher oder Kommunikationsassistenten (KA) entscheiden - da haben wir ja die freie Wahl - das Problem liegt nur bei den öffentlichen Dienstleistungen wie der Agentur für Arbeit oder sonstiger Bürgerservice, die lieber KA beauftragen, da sie wesentlich billiger sind und auch schneller erreichbar sind - was dann zur Folge haben kann, dass die Übersetzungsqualität dabei auf der Strecke bleibt.

chronischLEBEN:Du bemängelst zu Recht, dass es bisher ein Recht auf einen Gebärdensprach-Dolmetscher nur am Arbeitsplatz gibt. In welchen Bereichen sollte das Recht auf einen Dolmetscher darüber hinaus verankert sein deiner Meinung nach?
Foto: Marco Strauß
Christine Linnartz:
Zwar werden auch die Kosten für eine Gebärdensprachdolmetschbegleitung bei den Konsultationen von Ärzten von Krankenversicherungen (Leistungen zur medizinischen Rehabilitation -SGB IX) übernommen. Nach der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die auch für Deutschland gilt, haben wir nicht nur das Recht im Rahmen des Sozialgesetzbuchs IX (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen) auf die Teilhabe am Arbeitsplatz, sondern AUCH auf die kulturelle Teilhabe, politische Teilhabe, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben allgemein. Nur: Das ist bisher nirgends im Sozialgesetzbuch verankert - wenn ich an meine politische Aktivität denke, ist das ein Horror für mich, für das bisschen und das selbstverständliche hart kämpfen zu müssen.

Auf kommunaler Ebene haben die Kreisverbände einfach nicht das finanzielle Mittel, um die Kommunikation bei den Mitgliederversammlungen sicherstellen zu müssen. Auf Theaterbesuche ,bei den Comedy-Shows oder Kabaretts, die ich mag, muss ich noch lange verzichten. Nur ganz vereinzelt und äußerst selten bietet hier und da mal ein Theater die Dolmetschbegleitung an, meist dank dem dort ansässigen Gehörlosenvereins, der sich entweder um die Organsiation der Dolmetschbegleitung oder um die Finanzspritze für eine Dolmetschbegleitung kümmern oder oder ...

Als Beispiel eine Situation, wo ich an einem sozialpoltischen Kongress der Grünen teilnahm, der selbstverständlich für eine professionelle Gebärdensprachdolmetschbegleitung gesorgt hatte. In den Pausen bei den Smalltalks hatten die beiden Dolmetschenden zum GLÜCK einen Praktikanten mitgebracht. Problematisch: Wir waren ja als Gehörlosen zu zweit (Martin Zierold und ich), und wir mussten warten ...da der Praktikant entweder für mich oder für Martin dolmetschen konnte. - Der Praktikant war sichtlich überfordert, so dass kaum eine vernünftige Kommunikation zustande kam, und abends wollten die Grünen auch mit uns quatschen oder wir wurden hier und da angequatscht .. keine Dolmetscher.

Solche Details zeigen wieder, wie wir behindert WERDEN - also beschränken wir uns darauf miteinander zu kommunizieren. Übrigens haben die Grünen aus diese Erfahrungen Konsequenzen gezogen und haben, soviel ich weiß, für die BDK Hannover mehr DGS Dolmetschenden organisiert - so dass für die Smalltalks unsererseits mit ihnen und umgekehrt möglich sind. Bin mal gespannt.

   "Ich möchte mal ohne Kommunikationsprobleme zum Friseur und zur Verbraucherberatung"   

Ganz nebenbei noch:
Ich möchte z.B. mal ohne Kommunikationsprobleme zu einem Friseur gehen oder ganz selbstverständlich den Bürgerservice in Anspruch nehmen können, oder mich in der Politik auf der kommunaler Ebene behaupten können - oder gar eine Beratung in Ernährungsfragen oder was weiß ich noch, oder beim Verbraucherschutz einfach mal Fragen stellen: Alles was für Euch Hörende total selbstverständlich ist, ist für uns ein Weg voller Steine.

DAS RECHT und dessen Umsetzung sollen überall, in allen Gesetzbüchern, in allen Verordnungen sowie Dienstvorschriften, verankert sein.

chronischLEBEN:Ein, wie ich finde, interessanter Vorschlag kam von deinem Kollegen Alexander von der Meyenn. Er forderte mehr Inklusion - aber etwas anders als das bisher allgemein verstanden wird: Inklusion bedeutet für ihn, dass es auch Schulen für Gehörlose gibt, die Inklusiv auch von hörenden Schülern besucht werden. Wie stehst Du dazu?
Christine Linnartz:
Auch dazu der Hinweis auf eine Internet-Site:

http://www.taubwissen.de/index.php/bildung/schulbildung/375-schulbildung-5-schulsituation

Für mich bedeutet Inklusion, dass ich mich auf das völlig freie Wahlrecht berufen kann, welche Schule ich besuchen kann, es gibt auch hörende Kinder gehörloser Eltern, die eventuell auch gerne diese Schule besuchen wollen.

Allerdings muss die Bildungsqualität dieser Schulen einer "normalen" Schulen angeglichen werden, diese ist nämlich ganz unten angesetzt (die meisten dort tätigen Gehörlosenpädagogen sind sich nicht mal der Gebärdensprache mächtig) - außerdem wurden solche Schulen bislang nicht einmal einer Pisa-Studie unterzogen!

Die meisten Gehörlosen verfügen dank der fehlgeschlagene Bildung immer noch lediglich über eine Sprach- und Lesekompetenz eines hörenden Dritt- bzw. Viertklässlers - daher auch ihre Bildungsdefizite in aller Hinsichten. Und das nicht etwa, weil Gehörlose weniger intelligent wären. Intelligenz ist ja nicht in den Ohren angesiedelt.

Ich fordere strengere Vorgaben zur Einstellung von Gebärdensprachpädagogen, dass sie erst eine hohe Gebärdensprachkompetenz vorweisen müssen, ehe sie eingestellt werden. Dafür muss ein Curriculum für Gehörlosenpädagogik an Hochschulen in den Prüfstand gebracht werden, die Kultusministerien der Länder (oder wer auch immer für die Hochschulen zuständig ist) und erst recht die Landesregierungen einbezogen werden.

   DGS als Unterrichtsfach in Föder- und Regelschulen mit gehörlosen Kindern   

Das Problem ist, dass wir beim Deutschen Gehörlosenbund nur eine begrenzte personelle Kapazität zur Verfügung haben; außerdem steht uns nur ein begrenztes Dolmetscherbudget zur Verfügung.

Doch wir verfolgen mit unserem Fachbeirat Pädagogik im Deutschen Gehörlosenbund unsere drei wichtigsten Forderungen:

  • DGS (Deutsche Gebärdensprache) als Unterrichtsfach in Förderschulen und Regelschulen, wo auch gehörlose Kinder beschult werden
  • Entsprechende Ausbildung der LehrerInnen für eine optimale Unterrichtung
  • Obligatorisches Angebot der DGS als Teil der Subkultur in Fördereinrichtungen für alle Schüler


Norbert Jos Maas:
Ich bedanke mich für das Gespräch.




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